Als die Avantgarde noch Foxtrott tanzte

Als die Avantgarde noch Foxtrott tanzte

Das ist schon die zweite Folge eines originellen Aufnahmeprojekts des Wiener Pianisten Gottlieb Wallisch: Mit „20th Century Foxtrots“ erkundet er die Verbindungslinien zwischen der musikalischen Avantgarde im deutschen Sprachraum und dem Jazz, der die Unterhaltungsmusik revolutionierte.

Ein hübsches Beispiel für die Wirkungsmacht der aus den USA importierten Synkopen bieten die Werke von Eduard Künneke, dessen „Vetter aus Dingsda“ anno 1921 nicht zuletzt deshalb ein Sensationserfolg wurde, weil da erstmals eine Operette nicht wie ein Lehár-Abklatsch klang, sondern mit Gesangsnummern im Rhythmus der aktuellen Modetänze gespickt war. Aus dem Orchestergraben flüsterten nicht nur die Geigen, es swingten auch Saxofon und Banjo.

Auf Wallischs neuer CD steht nun Künnekes „Batavia-Foxtrott“ aus dem „Vetter aus Dingsda“ neben einschlägigen Stücken, die man in einer solchen Sammlung erwartet, etwa Kurt Weills „Tango-Ballade“ aus der „Dreigroschenoper“, aber auch Beiträgen zur neuen Gattung aus der Feder von Komponisten, denen selbst Kenner kaum solche stilistischen Ausflüge zutrauen würden.

Gewiss, wer sich ein wenig mit dem Lebenslauf eines Paul Hindemith beschäftigt hat, weiß, dass diesem in seiner frühen Phase jedes Mittel recht war, die Bürger vor den Kopf zu stoßen. Nebst grellen Dissonanzen nutzte er auch die Anklänge an die schicke Barmusik der frühen Zwanzigerjahre und schrieb etwa für die Holzpuppen des weihnachtlichen Marionettenspiels „Tuttifäntchen“ einen alles andere denn adventlich besinnlichen Foxtrott.

Wirklich überraschend dürften dann auch für wohlinformierte Hörer die Ausflüge in die Regionen der Blues-Harmonien sein, die Komponisten wie „Tiefland“-Meister Eugen d'Albert unternommen haben. Er tauchte nicht nur für pianistische Kleinigkeiten aus seinen veristischen Operngefilden auf, um dem Zeitgeist seinen Tribut zu zollen, sondern legte mit seiner „Schwarzen Orchidee“ sogar eine ganze Jazz-Oper vor.

Die Tänze, zu denen „Jonny aufspielte“

Das war ein Jahr nach der aufsehenerregenden Premiere von Ernst Kreneks „Jonny spielt auf“, aus dem Gottlieb Wallisch einige Auszüge im ersten Band seiner „Foxtrots“-Serie aufgenommen hat. Diese CD enthielt – apropos Opernmeister der Zwischenkriegszeit – auch eine der originellsten Melangen alter kontrapunktischer Techniken mit dem akustischen Flair der neuen Zeit: Julius Bittners handwerklich exzellenter „Shimmy auf den Namen Bach“, durch den sich tatsächlich unaufhörlich der Name B-A-C-H zieht, wie ihn der Großmeister selbst im letzten, unvollendet gebliebenen „Contrapunctus“ seiner „Kunst der Fuge“ eingeführt hatte – ein klein wenig geändert hatten sich die Zeiten inzwischen. Nebst Bittner nutzten damals auch Kollegen wie Bohuslav Martinů oder Erwin Schulhoff und sogar der Viertelton-Pionier Alois Hába die Möglichkeiten, mit „Jazz-Suite“ Aufmerksamkeit zu erregen.

Im Album „20th Century Foxtrots Vol. 2“ bietet Gottlieb Wallisch nun einen kleinen Lehrgang in Zeitgeschichte, indem er auch Stücke einfügt, die man im heutigen Theaterjargon „well made plays“ nennen würde, und zwar aus der Feder von Komponisten, die es geschafft haben, in der DDR als gute sozialistische Genossen Karriere zu machen, nachdem sie die Vorsilben „national“ abgestreift hatten. Auch das ist der Teil der Rezeption amerikanischer Sitten und Gebräuche in Europa . . .

Gottlieb Wallisch
„20th Century Foxtrots Vol. 2“
(Grand Piano)