Bachs geniale Söhne

Bachs geniale Söhne

Auf dem Label Carus sind nun gesammelt die Porträt-CDs erschienen, die Gottfried von der Goltz mit seinem Freiburger Barockorchester aus unterschiedlichen kalendarischen Anlässen den Söhnen Johann Sebastian Bachs gewidmet hat. Der Thomaskantor hat ja gleich vier bedeutende Komponisten gezeugt, von zweien, Johann Christian und Carl Philipp Emanuel, wissen auch musikhistorisch weniger interessierte Musikfreunde, auf sie stoßen wir in den Biografien der Wiener Klassiker. Vereinfacht gesagt, gilt der Ältere, Carl Phi­lipp Emanuel, mit seinen Kompositionen im sogenannten empfindsamen Stil als wichtigster Vorläufer der Ausdruckskunst Beethovens; die verehrungsvolle Beziehung zwischen Johann Christian und dem jungen Mozart ist hinlänglich dokumentiert. Tatsächlich klingt es auf CD Nummer vier dieser Sammlung nach Mozart’schem Frühwerk, spritzig, geistreich und mit großem Drive in den Allegro-Abschnitten, fein gesponnen und lyrisch in den oft ariosen Mittelsätzen. Carl Philipp Emanuel Bachs Musik steht dazu stilistisch wirklich quer: Hier sammelt sich – oft in langen Unisonogängen – dramatisches Potenzial und entlädt sich in dichten, intensiven Klanggemälden. Von der Goltz lässt das auch mit entsprechendem Nachdruck musizieren, sodass der Hörer versteht, warum ein damals hochgeachteter Meister wie Johann Adolph Hasse die e-Moll-Symphonie als die beste, die er je gehört hätte, bezeichnet hat.

Symphonische Form. Hinzu kommen freilich noch der älteste Bach-Sohn, Wilhelm Friedemann, und Johann Christoph Friedrich, der Zeit seines Lebens in Bückeburg diente und von der Nachwelt kaum beachtet wurde. Und doch: Faszinierend zu erleben, wie dieser Bach, der noch zu Beethovens Lebzeiten wirkte, etwa gleichzeitig mit dem späten Haydn (zur Zeit der Londoner Symphonien) die symphonische Form für sich definierte, zuweilen – etwa in der Einleitung der G-Dur-Symphonie von 1783 – hörbar noch basierend auf barocken Vorbildern, dann aber mit allen Verarbeitungsfinessen der klassischen Periode. Die Kühnheit der Fantasie besticht freilich am allermeisten in den Werken Wilhelm Friedemanns, von dem hier manches wie ein fantastisches Gemisch aus Spätbarock und hochexpressiver Sturm-und-Drang-Poetik klingt. Vier geniale Söhne eines genialen Vaters, deren Schaffen in Summe für den neugierigen Hörer eine akustische Verbindung zwischen dem Barock und der Klassik schlägt: Kontinuität, Kontraste, Widersprüche – so erfährt man hörend Musikgeschichte. (Carus)