Igor Levit: Encounter

Igor Levit: Encounter

Deutschlands Bundespräsident Frank-Walter Steinemier hat dem 33jährigen Pianisten Igor Levit den Bundesverdienst-Orden verliehen. Insgesamt 52 verschiedene Konzertprogramme hatte Levit in der Zeit des Shutdowns während der Corona-Krise 2020 absolviert. Ganz abgesehen von der sozialen Komponente, die Levits Streams zugekommen war: Der Pianist hat damit die Möglichkeiten der digitalen Vernetzung auf die Spitze getrieben und das Internet zum Konzertsaal gemacht, in einer Situation, als die realen Konzertsäle versperrt bleiben mußten.

Mit seinem CD-Album "Encounter" setzte  Levits  seiner Internet-Aktion ein bleibendes Denkmal: Nicht von ungefähr enthalten die beiden Silberscheiben kein einziges Werk, das eine der prägenden Konditionen des althergebrachten Konzertlebens vermissen ließe: Die Möglichkeit, Applaus zu spenden.

Damit dokumentiert das Album auch eine bis dato kaum beachtete Auswirkung der Krise: Unsere Ohren öffnen sich für die leisen Töne. Eine so konsequente „Reise nach innen“, wie sie diese Sammlung von Werken darstellt, hätte nicht einmal ein für außergewöhnliche Programm-Konstellationen berühmter Interpret wie Levit unter normalen Umständen einem Veranstalter schmackhaft machen können.

Hand aufs Herz, wer kennt alle zehn der Bachschen Choralvorspiele, die Ferruccio Busoni für Klavier arrangiert hat? Gewiß, „Nun komm, der Heiden Heiland“ haben viele Pianisten als kontemplative Zugabe im Repertoire Wer aber hat je den Zyklus als Ganzes im Konzertsaal gespielt? Levit beginnt sein „Encounter“ mit diesen zehn ungeheuer abwechslungsreichen Stücken, deren emotionelle Bandbreite von beschaulicher Introspektion zum exuberanten Freudenausbruch („Nun freut euch, lieben Christen gmein“) reichen. Wobei Levit selbst dort, wo („In dir ist Freude“) die lustvollen Jubelschreie nur so durcheinanderpurzeln auf bewundernswerte Weise die Übersicht bewahrt und, vor allem, die lutherische Gesangsmelodie immer deutlich von allem umfließenden Spiel der Farben und Formen zum Singen bringt.

In den ruhigen Stücken findet er auch bei höchster Verdichtung des kontrapunktischen Gewebes zu einer klanglichen Differenzierungskunst, die jeden Bewegungsstrang in sein eigenes Licht taucht - und dabei nicht selten jene magisch entrückte Wirkung erzielt, auf die das abschließende Werk des CD-Programms anspielt: In Morton Feldmans „Palais de Mari“ scheinen dann nur noch fragmentiert Erinnerungen an einst gehörte Töne herüberzuklingen, am Rande der Stille, die eintritt, wo die Erinnerung verweht ist.

Zwischen der Zuversicht und Festigkeit, die aus Bachs Choralvorspielen heraustönt und dieser musikalischer Erfahrung im Zustand der Auflösung stehen Spätwerke von Johannes Brahms und Max Reger, kaum bekannt auch sie: Vor allem Busonis Arrangements von sechs der elf Orgelchoräle op. 122, in denen der Agnostiker Brahms noch einmal Bachs Formensprache bemüht, um sie vollkommen seinem eigenen Stil anzuverwandeln.  Die „Vorspiele“ wären einst auch „Préludes“ ohne geistliche Konnotation „durchgegangen“.

Allein, musikalische Sinnlichkeit dieser Qualität - deren chromatische Spuren („Es ist ein Ros entsprungen“) schon auf Max Reger vorausweisen -  ist ohne Besinnung nicht denkbar, wie sie sich dem späten Brahms eröffnet hat, dem Agnostiker der „täglich in der Bibel las“.  In Regers Bearbeitungen von Brahms’ „Vier ernsten Gesängen“ scheint sie zum Greifen nahe. Igor Levit ist ihr Prophet.