Karl Böhms Opernaufnahmen für DG

Karl Böhms Opernaufnahmen für DG

Derzeit versuchen manche zwar, jegliche Geschichtsbetrachtung auf die Frage zu reduzieren, wie sich das Objekt der Betrachtung mit der nationalsozialistischen Schreckensherrschaft in Beziehung setzen lässt. Aber die Bedeutung eines Dirigenten vom Format Karl Böhms lässt sich doch viel umfassender ermessen, wenn man den Aufnahmen seiner Interpretationen lauscht. Da hilft die 70-CDs-Box, die alle Vokalaufnahmen enthält, die Böhm für die Deutsche Grammophon gemacht hat. Für kurze Frist führt sie den Hörer zurück in die finsteren Zeiten: 1944 entstand live in der Wiener Staatsoper ein Mitschnitt der Festvorstellung von "Ariadne auf Naxos" zum 80. Geburtstag des Komponisten. Und man hört, dass es schon damals wichtiger war, was Böhm mit seinem rechten Arm tat, wenn er ihn gerade nicht zum "deutschen Gruß" erhob. Warum Richard Strauss diesen Kapellmeister als einen seiner besten Anwälte betrachtete, ist nicht nur dem hinreißenden Schwung dieser Aufführung zu entnehmen, sondern auch allen weiteren Strauss-Aufnahmen, die diese Box enthält. Allein "Ariadne" ist noch zweimal vertreten, einmal mit Lisa Della Casa 1954, live von den Salzburger Festspielen, einmal mit Hildegard Hillebrecht in den 1970er-Jahren im Münchner Schallplattenstudio. Da die Decca-Aufnahmen nicht inkludiert sind, ist die "Frau ohne Schatten", deren Durchsetzung einzig Böhm zu verdanken ist, nur in der späten Version, live in Wien mitgeschnitten, enthalten: Das Traumteam aus Rysanek, Nilsson, King, Berry und den Wiener Philharmonikern-das ergab trotz Böhms teils radikalen Kürzungen einen märchenhaften Opernabend.
Dramatische Wucht und instrumentale Leuchtkraft zeichneten das Orchesterspiel aus, wenn dieser Mann am Pult saß. Nicht nur bei Strauss, sondern auch bei Mozart-wie schnell vergisst man stilistische Haarspaltereien, wenn eine "Figaro"-Besetzung mit Janowitz, Mathis, Prey und Fischer-Dieskau zu singen beginnt! Dazu himmelstürmende Bayreuther Wagner-Abende wie der "Tristan" mit Birgit Nilsson, Wolfgang Windgassen und Christa Ludwig, die in dieser Sammlung auch als "Rosenkavalier"-Marschallin und mit einer hinreißenden Altrhapsodie von Brahms zu hören ist. Das Schönste steht gleich am Beginn: Karl Böhm dirigiert "Fidelio";wer's noch live erleben durfte, weiß, was das bedeutete. Wer nicht: Eine solche Aufnahme beantwortet für halbwegs sensible Nachgeborene vielleicht wichtigere Fragen als zeithistorische Wichtigmachereien.. .(DG)