Max Regers Klavierkozert

Max Regers Klavierkozert

Die Musik von Max Reger hat es nicht leicht im Repertoire. Bis in die Fünfzigerjahre betrachteten es viele Dirigenten im deutschen Sprachraum und manche Instrumentalisten als Pflicht, die Musik dieses Komponisten bekannt zu machen. Arnold Schönberg dachte ähnlich: Diese Musik sei wichtig und stünde vor allem am Beginn der musikalischen Moderne. Daher sollte sie gepflegt werden.
Ein Pianist wie Rudolf Serkin, im Dunstkreis von Schönbergs Verein für musikalische Privataufführungen aufgewachsen, setzte die umfangreichen „Bach-Variationen“ gern und immer wieder auf seine Recital-Programme. Er spielte im Verein mit Eugene Ormandy in Philadelphia auch das Klavierkonzert Regers für Schallplatten ein.
Spätere Generationen schlugen Schönbergs Empfehlungen in den Wind. Regers Klangvisionen gelten heute als allzu sperrig, harmonische verrätselt und wenig eingängig. Sie verschwanden aus den Konzertprogrammen. Nur einige Musiker, man kann sie an einer Hand abzählen, setzen sich weiterhin für eine Popularisierung der Werke Max Regers ein. Einer von ihnen ist der deutsche Pianist Markus Becker.
Er hat über die Jahre hin verdienstvollerweise das gesamte Klavierwerk Regers auf CD aufgenommen, was wohl nur für die neugierigsten Sammler wirklich von Belang ist. Doch nun kam eine Einzel-CD in den Handel, die einige der späten Klavierstücke mit einer Neuaufnahme des zur selben Zeit komponierten Klavierkonzerts kombiniert. Und diese Aufnahme ist nun auch für Musikfreunde interessant, die sich in Regers Klangwelt erst einhören müssen.


Die Neuaufnahme des Klavierkonzerts op. 114



Leicht ist es nicht, zugegeben, aber Becker und die engagiert aufspielende NDR-Radiophilharmonie unter Joshua Weilerstein haben der klassischen Interpretation dieses zyklopischen Klavierkonzerts durch Serkin/Ormandy künstlerisch allerhand entgegenzusetzen: Die durch Regers massive kontrapunktische Überlagerungstechniken nicht einfach zu entwirrende Partitur wird dank Beckers auch rhythmisch prägnanter Artikulation und dem distinkten Spiel des Orchesters transparent, wie sie kaum je zuvor auf Tonträgern zu hören war. Die Charaktere der Motive und Themen scheinen klar herausgearbeitet.
Das hilft beim Hören ungemein, die Erzählstruktur der Musik wird klar, Spannung, Schürzung des Knotens, Lösung sind nachvollziehbar, im Mittelsatz treffen die Musiker den lyrischen Grundton mit der (nach den Entladungen des leidenschaftlichen Kopfsatzes) nötigen Zartheit. Die Stücke aus den „Episoden“ für Soloklavier, die Markus Becker als „Zugabe“ gewählt hat, sind alle im Tonfall des Klavierkonzerts gehalten, runden das Bild also perfekt ab.
Hier ist Regers Denken an Kleinformen zu studieren: Wie mancher Komponist an der Zeitenwende um 1900 neigt er zu modulatorischen Abenteuer, die ihn oft innerhalb weniger Takte in entfernteste Regionen führen und das tonale Balancegefühl des Hörers extrem reizen. Es ist die Sache des Inerpreten, hier durch differenzierte Herausarbeitung der musikalischen Charaktere den „Gang der Handlung“ nachvollziehbar werden zu lasssen. Markus Becker versteht sich darauf glänzend. Er ist Regers idealer Anwalt.



Max Reger: Klavierkonzert Markus Becker/Joshua Weilerstein (Avi-Music 8553306)